Nach dem Mittagessen und einer kurzen Ruhepause verlasse ich das Haus. Es ist jetzt 13h00. Ueber eine kleine, wackelnde Holzbruecke, welche den Strassengraben ueberspannt gelange ich auf die Strasse und wende mich nach rechts, Richtung Ortskern. Bis zur Hauptstrasse, also der Landstrasse, welche Lomé und Kpalimé verbindet sind es etwa 300m. Dieser Anschluss ist der Hauptgrund, warum in Avetonou ueberhaupt etwas los ist. Er ermoeglicht nicht nur einen direkten Weg in die Hauptstadt, sondern macht aus Avetonou gleichzeitig einen geeigneten Ort fuer einen Wochenmarkt.
Auf meinem Weg komme ich an den vielen kleinen Werkstaetten und Laeden vorbei, welche sich am Strassenrand niedergelassen haben. Da waere zum Beispiel Bruno, in seinem kleinen Schneideratelier, der mir freundlich zugruesst und mich fragt wohin ich gehe. Auf die Antwort : Kpalimé (gesprochen Palimé) erwiedert er, dass ich bloss schnell wiederkommen soll : Eine hiesige Redensart, denn nur wenn man schnell wiederkommt, kommt man auch gesund wieder.
Etwas weiter folgen dann ein kleiner Frisoersalon und eine Motorradwerkstatt plus mini Tankstelle : Ein lose zusammengezimmerter Bretterverschlag, eine Werkzeugkiste und ein paar in der Sonne aufgebahrten ehemaligen Schnappsflaschen, jetzt randvoll mit Benzin.
Kurze Zeit spaeter erreiche ich den wahren Ortskern : Rechts beginnt der Marktplatz, welcher heute menschenleer ist ; die Staendereihen, abwechselnd gedeckt mit Wellblech oder Palmwedeln sind verlassen und warten auf den Rummel des naechsten Mittwoch.
Gegenueber, zu meiner Linken : eine Bar und ein kleines Restaurant vor welchem mehrere Frauen gerade dabei sind Frufru zu stampfen. Sie stehen also um einen grossen Holztrog herum und schlagen in festem Rythmus auf die Maniok-Yam-Mischung darin ein.
Es folgen noch einigee kleine Tante-Emma Laedchen, vollgepackt bis unter die Decke mir wirklich Allem.
Danach noch eine Bar und dann noch eine. Getrunken wird entweder in einer hiesigen Regentonne aus Palmwein selbst-gebrannter oder Tukutou, ein traditionelles Bier aus vergorenem Getreide, dessen Namen ich nicht kenne. Es sieht ein bischen aus wie Mais, nur dass die Koerner oben an der Pflanze an vielen Halmen wachsen. Bier in europaeischem Sinne, sowie Coca Cola gibt es auch, nur das diese mit einem Preis von fast einem Euro fast unbezahlbar sind.
An der Strasse selbst dann ein Haufen Motorradfahrer unter einem Sonnenschutz. Ich verneine die Frage ob ich mit einem von Ihnen fahren wollte und wende mich an den Taxifahrer, der neben seinem Wagen wartet. Dieser hat mich auch schon gesehen und kommt auf mich zu. Schnell ist klar, dass er und ich in die selbe Richtung wollen und winkt mich eilig zu dem noch leeren Auto, als fuerchtete er, ich koennte es mir nochmal anders ueberlegen und wieder verschwinden. Ich frage wann wir losfahren - « Sofort » - und setze mich auf den Beifahrersitz. Die Tuer lasse ich noch offen, mache es mir dann bequem : In der naechsten halben Stunde passiert hier ueberhaupt nichts.
Es bleibt mir also genug Zeit, mich noch ein bischen umzusehen und das Auto genauer unter die Lupe zu nehmen : Noch ein Aussenspiegel ist dran, dafuer zwar keine Anschnallgurte, dafuer aber eine noch intakte Frontscheibe. Am Innenspiegel haengt ein Rosenkranz, darunter, am Amatourenbrett eine togolesische und eine amerikanische Flagge. Zwei der vier Tueren lassen sich nicht mehr oder nur noch selten von Innen oeffnen, der Kofferraum wird durch ein Gummiband zu und durch einen Stock offen gehalten. Alles in Allem also ein sehr durchschnittliches togolesisches Taxi.
Mein Blick geht weiter auf die gegenueberliegende Strassenseite : da sitzen einige Frauen im Schatten zweier grosser Baeume direkt an der Strasse und verkaufen Yams, Maniok, Fruechte und gebratene uebergrosse Ratten, sieht jedenfalls so aus. Daneben noch mehr Frauen, welche vor sich in oelgefuellten Schuesseln Gebaeck und Yamsfritten frittieren und verkaufen.
Ploetzlich kommt Bewegung ist Auto. Zwei weitere Fahrgaeste sind eingetroffen und der Fahrer ist gerade dabei deren Gepaeck in den Kofferraum zu laden : Zwei Saecke Reis und ein paar Bananen.
Eine der hinteren Tueren geht auf, die beiden setzen sich zu mir ; eine kurze Begruessung auf Ewe, dann wird zusammen weitergewartet.
Wir haben Glueck, denn kurze Zeit spaeter trifft noch eine aeltere Dame ein und der Fahrer entscheidet, dass vier Leute reichen, damit es sich fuer ihn lohnt loszufahren. Weit kommen wir allerdings nicht, denn ein paar hundert Meter weiter warten noch zwei auf ein Taxi nach Kpalimé : Hinten wird zusammengerueckt, dort sitzen jetzt vier und auch ich bekomme auf dem Beifahrersitz Gesellschaft, sodass ich mit dem Hintern bis fast auf die Gangschaltung ausweichen muss. Der Kofferraum ist mittlerweile so voll, dass sich die Tuer nicht mehr schliessen laesst und nun ganze Zwei Seile Auto und Inhalt zusammenhalten.
So beladen fahren wir dann endlich wirklich los.
Die Fahrt dauert 30min ; wir durchqueren mehrere kleine Doerfer, sowie das Bezirkshauptdorf Agou-Gare westlich des Mount Agou, den mit ca 800m hoechsten Berg von Togo. Die Strasse ist in einem fuer Togo ganz guten Zustand, das heisst die Schlagloecher machen nicht einmal ein Zehntel der Strasse aus. Das ist nicht immer so.
Der Fahrer ist damit beschaeftigt, den vielen Schlagloechern auszuweichen. Das gelingt nicht immer und ist besonders dann schwierig, wenn Gegenverkehr die intakte linke Fahrbahn versperrt. Fuer diese Faelle handelt man in Togo getreu dem Motto : “Wer bremst verliert!“ und versucht entweder mit vollgas noch vor dem Gegenvrekehr am Hindernis vorbeizukommen oder aber dahinter indem man kurz vom Gas geht. Im Zweifelsfall aber, wenn wirklich ncihts geht: mittendurch.
Da diese Strasse wie bereits angesprochen die einzige ausgebaute ueberlandverbindung der Gegend darstellt, teilen wir uns die zwei engen Spuren mit LKW’s, anderen Taxen, privaten Autos, sowi vielen Motorraedern, Fahrraedern und auch Fussgaengern.
Zu den letzten beiden moechte ich nicht gehoeren, denn es gibt weder einen Strassengraben oder einen Gruen- oder Standstreifen auf den man im Zweifelsfrei ausweichen koennte. Neben der Strasse beginnt augenblicklich mannhohes Dickicht. Angst haette ich, da die Autos die langsameren Verkehrsteilnehmer mitunter in unter einem halben Meter Abstand ueberholen, sodass ich manchmal nur den ausgestreckten Arm aus dem Fenster halten muesste um dem ein oder Anderen die Muetze vom Kopf zu klauen.
Von Avetonou nach Kpalimé passieren wir zwei Polizeisperren, also ein paar Autoreifen, welche jeweils eine Spur versperren und ein in der Sonne doesender Soldat plus Maschinengewehr auf seinem Schoss. Einmal am Tag muss jedes Taxi, welches die Strasse benutzen will Maut bezahlen.
In Kpalimé angekommen bezahl ich dem Fahrer die ueblichen 500FCFA fuer die Fahrt und trete dann ein, in das Dickicht aus Menschn, Staenden und Waren; in das Meer von Farben, Geruechen und Eindruecken: der Markt von Kpalimé (er ist zwar nicht so gross wie in Lomé, aber trotzdem beeindruckend, besonders Samstags). Sofort werde ich umspuelt von den vielen Passanten und Verkaeufern, die ihre Waren auf dem Kopf balancieren und deren besondere Qualitaet lautstark anpreisen.
Ich gehe durch die engen Gaenge, vorbei an vielen vielen Staenden mit ihren Auslagen. Hier sind es Gemuese und Obst, dann wieder Getreide und Bohnen, dann Kochutensilien und immer wieder allerhand billigkrams aus China. Dann gibt es noch Brot zu kaufen und Gebaeck und Limonade. Ausserdem durchzieht eine ganze Armee von Eisverkaeufern den Markt: mir gerade sehr recht, denn es ist heiss.
In Togo geht man nicht nur auf den Markt um einzukaufen, sondern auch um Freunde und Verwandte zu treffen, sich zu unterhalten, irgendetwas zu essen, oder einfach ne Runde zu drehen. Besonders auf dem Land ist der Wochenmarkt das Ereignis der Woche.
Waehrend ich so vor mich hin schlender und aufpasse, niemandn umzurennen kommt es von allen Seiten an mein Ohr: „Jovo!“, „Blanc!“, „Kauf das hier!“, „Komm her!“. Mittlerweile hoere ich es schon fast gar nicht mehr und wenn doch, dann ignoriere ich es oder mache eine kurze abwehrende Geste: „Nein, Danke.“
Vom Markt aus geht es weiter zu meinem eigentlichen Ziel: dem Internetcafé. Ich ueberquere also ein grosse Strasse und passe auf, nicht von den vielen Motorraedern ueber den Haufen gefahren zu werden. Danach geht es durch kleinere Nebenstrassen. Diesmal sind es nicht die verkaeufer, sondern die vielen Motorradfahrer, die mich ansprechen und die ich dann abwehren muss. Aber ich kann es ihnen nicht uebel nehmen, denn schliesslich muessen sie davon leben und koennen froh sein, bei dieser Konkurenz bis zum Abend eine Handvoll Fahrten gemacht zu haben.
Um sich das Stadtbild Kpalimés vor sich zu haben, stelle man sich bitte viele staubige Strassen mit noch mehr Schlaglochern und vielen vielen Motorraedern vor. Dann dicht an dicht einfach gemauerte einstoeckige, manchmal zweistoeckige Haeuser mit Wellblechdach und auf allem eine Schicht Staub. Dazu gleissende Sonne und voila.
An einer Strassenecke kaufe ich noch schnell zwei frittierte Teigbaellchen, dann bin ich auch schon am Ziel. Ich trete also ein und setze mich an einen der freien Plaetze. Etwa 20 Minuten spaeter habe ich GMX geoeffnet und lese die Erste von meist vielen Emails, die ich in der letzten Woche bekommen habe; danke dafuer. Kaum bin ich unten angekommen und moechte die Naechste aufrufen, auf einmal ein schwarzer Bildschirm: Stromausfall. Da kann man nichts machen, ich lehne mich also zurueck und warte. Ein Paar minuten Spaeter leuchtet das kleine gruene Laempchen am PC wieder und er faehrt wieder hoch. Also nochmal, GMX oeffnen und die zweite Email lesen. Diesmal habe ich Glueck und das Netz versagt nicht noch einmal. Innerhalb der naechsten 20 Minuten habe ich alle Mails gelesen, keine schlechte Leistung fuer mitlerweile immerhin eine Stunde und zehn Minuten. (Natuerlich dauert es nicht immer so lange und auch der Strom faellt nicht immer aus, doch dafuer klappt es an machen Tagen auch gar nicht, sodass ich irgendwann abbrechen muss ohne auch nur eine Mail gelesen zu haben, geschweige denn beantwortet.)
Jetzt heisst es also noch ein paar Mails schreiben und dann weiter, schliesslich habe ich mir wie immer wieder zu viel vorgenommen fuer die Fahrt nach Kpalimé. Ich verlasse also das Internetcafé und bedeute dem ersten Motorradfahrer der an mir vorbeifaehrt, dass ich gerne mitgeommen werden moechte. So spare ich wenigstens ein bischen Laufzeit, denn befor es um 18 Uhr dunkel wird muss ich wieder in einem Taxi nach hause sitzen, denn das Fahren bei Nacht ist nicht nur gefaehlich, es fahren nach einer bestimmten Uhrzeit auch einfach keine Taxis mehr.
Hinten auf dem Motorrad sitzend verlasse ich den Ortskern nach Norden hin, richtung Berge, an den Rand der Stadt um meiner ersten Gastfamilie einen kurzen Besuch abzustatten. Die Fahrt dauert etwa 10 Minuten und kostet 100FCFA also ca 15 Cent.
Kaum bin ich vom Motorrad gestiegen kommen mir auch schon die Juengsten der Familie in die Arme gerannt. Kaum bin ich auf dem Hof geht die ueberschwengliche Begruessung weiter, als kehrte ich von einer langen Reise zurueck und wir haetten uns schon Jahre nicht gesehen. Das ist natuerlich nicht der Fall, das ganze ist typisch togoisch aufgesetzt und dann auch genauso schnell wieder vorbei wie es angefangen hat. Denn nach dem Austausch einiger Hoeflichkeitsfloskeln und Fragen nach dem Befinden der Familie une Freunde kehrt jeder wieder zu dem zurueck was er vor meiner Ankunft tat: also in die Kueche, in sein Zimmer oder in den allermeisten Faellen vor den Fernseher. 10 Minuten nach dem ich angekommen bin stehe ich also wieder allein auf dem Hof.
Ich lege also meinen Rucksack bei Seite und setze mich zu meiner Gastmutter auf die Veranda. Noch einmal fragt sie mich, ob es auch wirklich allen gut geht, da wo ich herkomme? Ja, sage ich, denn das ist die einzig moegliche Antwort. Die Fragen nach dem guten Befinden von Freunden und Angehoerigen gehoeren naemlich genauso zur typischen hoeflichen Begruessung, sowie deren Bejahung.
Langsam kommt ein kleines Gespraech zu Stande, doch weil ich mir eigentlich noch vorgenommen hatte, verschiedenes auf dem Markt einzukaufen, versuche ich vorsichtig anzusprechen, dass ich eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte. Das kommt natuerlich ueberhaupt nicht in Frage und ohne dass ich etwas zu essen bekommen habe, darf ich wirklich nicht wieder gehen. Das mit der Eile sei natuerlich kein Problem, denn das Essen sei ja schon fertig und man wuerde es mir sofort bringen. Eine halbe Stunde spaeter steht es dann wirklich vor mir und ich esse, allein auf der Veranda. Danach darf ich dann ohne Probleme gehen. Ich verabschiede mich also von allen und verlasse den Hof durch das Tor auf die Strasse.
Mittlerweile ist es 17h00 und das mit dem Einkaufen kann ich vergessen. Es ist schon ein Phaenomen, doch egal wie wenig man sich fuer einen Tag vornimmt, man schafft niemals alles. Am besten also, und das lerne ich so langsam, man nimmt sich gar nichts vor.
Ein zweites Taxi bring mich zurueck in die Stadt und zum Bahnhof von Avetonou, also an die Stelle, an der die Taxis nach Avetonou abfahren. Dort werde ich genauso aufgeregt empfangen, wie seinerzeit in Avetonou, als gelte es wirklich sich zu beeilen. Die ganze Prozedur schon kennend, lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen, folge dem Fahrer zu seinem Auto wo dieser mir dann bedeutet mich auf eine Bank zu setzen und zu warten . Dort sitzt schon jemand und weil es dunkel wird bin ich zuversichtlich, dass wir in einer halben Stunde losfahren koennen. Zu bestimmten Zeiten gegen Mittag kann es einem passieren, dass man bis zu 2 Stunden auf die Abfahrt des Taxis wartet, denn aus der Stadt raus in ein bestimmtes Dorf ist es viel schwieriger ein Taxi zu finden. Denn die meisten Taxis die jetzt losfahren, fahren nach Lome und da Lomé weit und Avetonou nicht weit entfernt, ist haetten die Fahrer, wenn sie mich mitnaehmen nur auf den letzten drei Vierteln der Fahrt einen freien Platz im Auto, an dem sie nichts verdienen wuerden.
Beim Warten dann spielt sich vor mir eine typisch Afrikanische Scene ab: Die Begegnung von zwei Freunden oder Bekannten, die sich heute zum Ersten Mal sehen. Dementsprechend lang und umfangreich faellt die Begruessung aus. Es folgt also ein langer Austausch von Hoeflichkeitsfloskeln, wobei der jeweils andere schon die Antwort kennt die gegeben werden wird, sowie die naechste Frage, deren Antwort dann wieder klar ist. Das Ergebnis ist, dass die Fragen zum Teil abgekuerzt werden oder man gar nicht mehr auf die Antwort wartet, sondern sofort weiter fragt. Da es sich um Floskeln handelt und kein wirkliches Interesse dahintersteht, ist der Ton auch recht neutral und meist gucken sich die beiden nicht einmal an. Das aendert sich schlagartig, wenn die Begruessung zu ende ist und konstatiert wurde, dass der andere kein Feind ist (so wurde mir gesagt): auf einmal kommt Leben in die Beiden und man beginnt lebhaft zu diskutieren und zu erzaehlen.
Ich kann’s nicht aendern, doch bei diesen Scenen kann ich mir ein kleines Laecheln und Kopfschuetteln nicht verkneifen.
Mit dem letzten Licht des Tages komme ich dann endlich zu hause an. Das Essen ist schon fertig: es gibt Maisbrei mit Sauce: wie immer. Nach dem Essen bereite ich dann entweder noch ein bischen Unerricht fuer den naechsten Tag vor oder ich korrigiere wie so oft in letzter Zeit die Klausuren meiner Klasse. Das ist gar nicht so leicht , denn Punkte in etwas zu finden, dass nur entfernt mit dem Thema zusammenhaengt ist schwer und einfach nur eine grosse Null drunterschreiben moechte ich nicht, auch wenn mir manchmal nichts Anderes uebrig bleibt.
Schliesslich fege ich noch mein Zimmer aus, lese etwas und falle dann um 21 Uhr todmuede ins Bett.
Bis Morgen frueh,
Thore